Mutter in der Lehre

Am Samstag hatte ich die völlig behämmerte Idee, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, um „schnell“ was zu besorgen. Noch bekloppter wurde die Idee, als ich den Kleinen auch noch mitnahm, und den Buggy. Ich wollte meinem Mann einfach auch mal ein paar sturmfreie Stunden bescheren, daran ist ja nichts verkehrt.
Als ich dann schon im Parkhaus mit dem Auto im Stau stand, später zu Fuß bei den Fahrstühlen, und dann einfach in der gesamten Innenstadt, verfluchte ich mich schon wieder selbst. Dann fing es auch noch an, in Strömen zu gießen. Ich erreichte weder das gewünschte Weihnachtsmarktbüdchen, noch die Alternative: Eine Abteilung im Einkaufszentrum. Da stand ich nämlich auch am Fahrstuhl an, aber nach 10 Minuten hat es mir gereicht. Draußen sind wir dann durch den Regen gelaufen und haben im Regen die Krippe mit echten Tieren angeschaut. Das war der einzige Platz, der nicht überfüllt war, nur eine andere klatschnasse Mutti stand mit ihrem Kind neben mir.
Ich hatte schon aufgegeben und wollte unverrichteter Dinge (für 9€ Parkgebühr!) wieder gehen, da lief ich dann doch noch an einem Stand vorbei, bei dem ich besorgen konnte was ich besorgen wollte. Es hörte auch auf zu regnen, sodass mein Kind und ich uns sogar noch eine riesige Dampfnudel auf einer etwas abgelegenen Parkbank teilen konnten. Ich war wieder besänftigt. Bis…

Also, auf dem Rückweg zum Auto liefen wir an einem Karussell vorbei. MTE wollte „rrrein!“ und ich Idiotin dachte, einen Versuch sei es wert. Er ist schon mal mitgefahren bei sowas, aber es gab auch schon Situationen, in denen er dann doch nicht wollte. Diesmal schien er es kaum erwarten zu können, allerdings konnte man sich wegen der Menschenmassen nicht unbedingt aussuchen, in welches Gefährt man sein Kind setzt. Das Karussell hielt, ich setzte ihn zu einem anderen Kind in einen Abschleppwagen, aber er wollte nicht und war kurz vorm Weinen. Ok, eine Runde abwarten, dem Kind erklären dass es ggf. auch mit anderen Kindern mitfahren muss und vor allem nur mit dem Abschleppwagen, weil der direkt vor uns hält. Kind wirkte sehr verständnisvoll und sagte zu allem brav „ja“. Karussell hält an, ich versuche ihn reinzusetzen, er wehrt sich wieder. Ich war wirklich nicht wütend, ich hab ja auch ein bisschen damit gerechnet. Aber erledigt war das Ding nun eben auch für mich, also sagte ich ihm, dass wir dann jetzt zum Auto gehen… Tja, was soll ich sagen? So einen krassen Wutanfall habe ich bei ihm noch nie erlebt. Mitten in der Menschenmasse, in der wir uns befanden, drehte das Kind völlig durch, war eindeutig nicht mehr Herr seiner Sinne und wehrte sich gegen jeden Versuch, ihn zu berühren. Ich konnte ihn weder hochnehmen, noch an die Hand nehmen, noch in den Buggy setzen. Er schmiss sich auf den nassen Asphalt und schrie und schrie und schrie und wollte wieder zurück zum Karussel und „rrrein!“. Alle Köpfe flogen zu mir herum, aber ich war viel zu beschäftigt damit, das Kind erstmal aus dieser Menschenmasse rauszukriegen, als dass mich das irgendwie angehoben hätte. Ich konnte ihn nur unter enormem Kraftaufwand und strampelnd unter meinem Arm zur Seite tragen, stellte ihn dann ab und ließ ihn weiter ausrasten. Als ich mich herunterbeugte, um ihm zu erklären, dass er zwei Mal nicht mitfahren wollte und wir deshalb jetzt gehen, wurde das Geschrei schon langsam weniger irre. Ich konnte mich dann dort, wo weniger Menschen waren, auch mal 3 Meter entfernen, erklärte ihm unter seinem Geschrei, dass ich jetzt zum Auto gehen möchte und mich freuen würde wenn er mitkommt. ;) Irgendwann kam er angerannt (noch immer weinend) und wollte hoch – da wusste ich, dass er nun wieder klar ist. Er bat nur noch wimmernd um seinen Schnuller und als er ihn hatte, drückte er mich ganz fest. So standen wir mehrere Minuten da, mitten in Stuttgart, und umarmten uns. Meine Aufregung, Wut und Verzweiflung waren sofort verflogen. Seine auch. Er war sichtlich geschafft von dieser Attacke, aber dann ganz lieb und auch redselig. Er erzählte mir den gaaanzen Heimweg lang, dass er ins Karussell wollte, Mama nein gesagt hat und er geweint hat („Nein nein! Mama! I weine!“). Am nächsten Morgen hat er mir das auch nochmal erläutert. :D

So, und ich bin einfach irgendwie stolz, dass ich das ganz gut überstanden habe. Dass ich weder nachgegeben habe, um nur das Kind zu beruhigen (was hätte er daraus gelernt?), noch ausgeflippt bin. Ich wusste vorher wirklich nicht, wie angemessen oder unangemessen ich in so einer Situation reagieren würde, ich weiß es auch fürs nächste Mal nicht. Aber mit diesem Mal bin ich einfach ein bisschen gewachsen in dieser komischen Mutterrolle, habe dazugelernt, war wieder ein bisschen selbstbewusster. Mama entwickelt sich. Kind sowieso. Diese scheiß Wutanfälle gehören unerfreulicherweise wohl dazu. Herrje, das war nur der Anfang!

23 Gedanken zu „Mutter in der Lehre

  1. Da hast du aber die Nerven behalten. Ich klopfe dir mal loben auf die Schulter. Andere Mütter wären mit Kind zusammen in einen Wutanfall ausgebrochen ;)
    Auch aus den unangenehmen Situationen kann man also irgendwie doch ein bisschen was positives ziehen. :)

  2. Puh. Respekt. Ich weiß nicht, ob ich das so souverän überstanden hätte wie du. Aber ich weiß jetzt wieder, – und das soll bitte nicht despektierlich klingen – warum ich keine Kinder habe. Die Mutterrolle ist definitiv nichts für mich.

    • Ich wusste auch nicht, dass ich sowas souverän würde überstehen können. Und fürs nächste Mal weiß ich es auch nicht, ist sicher auch bisschen tagesformabhängig. ;)

      Die Mutterrolle ist eigentlich auch nichts für mich. ;) Hab ich vorher immer gesagt und ich denke es heute manchmal noch. Aber ich wachse halt rein und will mein Kind auch nie mehr missen in meinem Leben.

  3. Da bricht mir schon beim lesen der Schweiß aus … puh. Als Mutter eines Kindchens im Trotzalter musste irre flexibel sein, finde ich, du weißt nie, wann der nächste Anfall kommt. Haste richtig gut gemacht. :)

  4. Entschuldige bitte, aber ich grinse hier gerade vor mich hin. Ziemlich breit. :D

    Als mein Sohn mal so einen Anfall hatte, er ist heute 21 Jahre alt, da hab ich auch erst überlegt, was ich tun soll. Es war kurz vor der Kasse eines Edekas. Er durfte sich vorher etwas aussuchen, was dann auch schon im Wagen lag, sah dann aber was anderes und wollte das auch noch haben. Als ich nein gesagt und erklärt habe, dass er ja schon was hat, ist er ausgeflippt.
    Ähnlich wie dein Kleiner. Brüllend, weinend, mit hinschmeißen und mit Armen und Beinen auf den Boden klopfend und stampfend.
    Alles guckte mich an. Ich wurde knallrot und dann hab ich das Einzige gemacht, was mir logisch erschiehn. Ich hab ihn gerufen, er hat mich brüllend angeguckt und dann hab ich mich schreiend auf den Boden geworfen, mich im Kreis gedreht und so getan, als würde ich lauthals weinen.
    Er hat mich furchtbar entsetzt angeguckt, aufgehört zu brüllen, ist aufgestanden, zu mir gekommen und hat gerufen: Mama, Mama alles wieder gut, alles wieder gut. Mama komm.
    Die Leute um mich rum konnten sich vor lachen kaum halten.
    Ich bin dann aufgestanden, hab ihn an die Hand genommen und bin, ohne ein weiteres Wort, meines Weges gezogen. Er hat so eine Nummer nie wieder abgezogen. Ich denke, er hat sich für seine Mama geschämt. *schiefgrins*

    Du hast das schon alles richtig gemacht. Respekt, dass du so ruhig geblieben bist.

  5. Hey, das hast du super gemeistert! Und toll, wie das bei ihm angekommen und hängen geblieben ist :) alles richtig gemacht! Die nächsten Wutanfälle können kommen :D

  6. Zum Glück hab ich so eine extreme Situation bei keins meiner 4 Kindern erlebt. Es kam aber vor, wenn ich alle 4 im Schlepptau hatte, zwei alberten rum wie blöde, eins maulte und war launisch und die Kleinste heulte rum und ich „olle“ Mama war am rummeckern und moppern. Na da haben die Leute auch geguckt und die Köpfe geschüttelt. Pfff…
    Zu Hause habe ich gesagt, ich gehe mit denen nie wieder einkaufen! 😂

  7. So schön zum lesen. Geht richtig rein, du hast das ziemlich raus, so über innere Zustände zu schreiben, man kann sich richtig gut in diese Situation reinversetzen und man fühlt sich dann selbst dort, im Regen stehen, hört das Geschrei und hofft einfach nur noch, dass es aufhört.

  8. Zusätzlich zu der beginnenden TrotzPhase War dein Wurm wahrscheinlich auch von den MenschenMassen überfordert. …
    Ich wünsche dir weiterhin die Kraft mit solchen Situationen so cool umgehen zu können. Ich weiß das das nicht einfach ist, auch wenn ich keine eigenen Kinder habe, habe ich schon reichlich Zwerge gehütet.

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